Friday, October 28, 2005

Der Herbst meint es gut mit uns, zumindest in diesem Zipfel der Welt. Mein Winterjackenproblem ist vertagt. Einfach so tun, als ob nichts wär’. Der Sommer geht weiter, wenn nicht hier, dann an irgendeiner Billigflieger-Destination. Um nichts anbrennen zu lassen, hab’ ich mich vorsichtshalber und kurzerhand entschlossen, für kleines Geld einmal Süden hin und zurück zu buchen. Mit einer der Markt führenden „Alle-Drinks-gehen-extra-Airlines“. Eigentlich halte ich ja nichts von Erdbeeren im Winter. Nehm’ ich zum Zigarettenholen den Wagen, das Fahrrad oder den Flieger? Die Frage ist rein rhetorisch. Aber es ist schon schwer, der Dekadenz zu widerstehen. Und so konkurriert die Stippvisite bei Freunden oder Verwandten in einer anderen Stadt plötzlich mit Reisezielen, die noch vor gar nicht langer Zeit intensive Planungen, Visaanträge und das Ersparte abverlangten. Mobilitäts-Overkill. Kein Ort, der nicht im Streckennetz irgendeines Cheapo-Carriers zappelt. Bislang galten Japaner als die ungeschlagenen Reisegeschwindigkeitsweltmeister, ein Titel, der nie besonders ruhmreich und erstrebenswert schien. Längst schon sind wir alle Japaner. One World in one day, Reisen zeitgerafft. Also flux rein in den Flieger und nix wie weg. Das schlechte Gewissen macht Urlaub: Alle Öko- und Political Correctness-Aspekte außen vor belassen.
Die ganze Rumreiserei hat auch recht bizarre Aspekte. Mein 13 jähriges Patenkind etwa hat mehr Vielfliegerbonusmeilen als die meisten meiner Freunde, die allesamt mindestens 30+ sind. Außerdem höre ich immer häufiger Geschichten à la „Rate mal, wen ich letztens in Reykjavik getroffen hab’?“ und Reykjavik ist überall. Zu guter letzt weiß ich sogar von Verwandtschaftszusammenkünften und Jahrgangstreffen, die aus Kostengründen (!) ins Ausland verlegt wurden und werden - Tendenz zunehmend.
Ist das nicht schräg!? Der Weg ist das Ziel. Einstiegen, anschnallen, der nächste Flug geht rückwärts und im Dutzend noch billiger.
So, jetzt geht’s mir besser. Die Welt weiß nun um mein schlechtes Gewissen, meine innere Zerrissenheit, zu diesem Thema. Sollte für eine kleine Absolution in Sachen Reisefreiheit reichen. Auf jeden Fall freue ich mich auf meinen Kurztrip und bin mächtig gespannt, wen ich in Zukunft in Reykjavik so alles treffen werde.